Der Berliner Mauerradweg
Asphaltierte Geschichte Sommerserie "Abgefahren!" stellt Radstrecken rund um Hennigsdorf vor / Teil 2: Thementour entlang des Mauerradweges
Von Sandra Kurtz Text und Fotos (5)
Hennigsdorfer Generalanzeiger
Der Berliner Mauerradweg ist eine abwechslungsreiche und vor allem geschichtsträchtige Route. Auf dem 20 Kilometer langem Teilstück passiert man die ehemalige Grenzübergangsstelle Stolpe, der letzte Übergang, der vor dem Fall der Mauer in Betrieb genommen wurde. Der 1982 eröffnete Übergang an der Autobahn diente ausschließlich dem Transitverkehr Richtung Skandinavien. In Hohen Neuendorf führt die Strecke an einer Erinnerungsstele für die 18-jährige Marinetta Jirkowsky vorbei. Sie versuchte mit ihrem Verlobten und einem Freund in der Nacht vom 21. November zum 22. November 1980 nach West-Berlin zu flüchten. Sie starb an den Folgen eines Bauchschusses. Die Tour beginnt wieder am S-Bahnhof Hennigsdorf. Vom Rathausplatz aus begibt man sich auf die Straße Am Bahndamm, überquert die Hauptstraße und fährt hinein in die Hafenstraße. Dieser folgend führt der nun grau-weiß ausgeschilderte Radweg entlang der Ruppiner Chaussee über den Oder-Havel-Kanal, im Kreisel rechts Richtung Stolpe-Süd und nach einigen Metern schließlich links ab in den Wald hinein. Bereits an dieser Stelle merkt man, dass die Schilder in der Natur fast unsichtbar wirken, zu hoch und häufig linkerhand statt rechterhand angebracht sind. Es gilt also, vor allem bei unscheinbaren Wegkreuzungen genau auf die Schilder zu achten. Das gilt vor allem für den Linksknick kurz nach dem ehemaligen Grenzübergang Stolpe. Es folgt ein böser Anstieg. Ansonsten ist die Strecke relativ eben, die vielen Risse in der Asphaltdecke schmälern mancherorts den Fahrkomfort.
Nachdem man die Invalidensiedlung, die Gedenkstele für Marinetta Jirkowsky hinter sich gelassen hat, laden am Hohen Neuendorfer Kreisel ein paar Hotels und Restaurants zu einer Verschnaufpause ein. Weiter geht es an der Berliner Straße. Diese wird überquert und führt durch den Wald hinein zum ehemaligen Wachturm, heute der Turm der Deutschen Waldjugend, den man auch besichtigen kann. Durch die Bieselheide hindurch gelangt man schließlich in die Gartenstadt Frohnau. Am Mahnmal für zwei Todesopfer an der Ecke Oranienburger Chaussee/Edelhofdamm folgen wir noch dem Mauerradweg bis zum Buddhistischen Haus, das hoch über der Straße thront. Den weitläufigen Park um das von Paul Dahlke 1924 erbaute Haus kann man besuchen, das von buddhistischen Mönchen aus Sri Lanka, aber auch von deutsche Seminarteilnehmern genutzt wird.
Der Mauerradweg würde dort nach rechts auf die Enkircher Straße einbiegen. Wir allerdings fahren den Edelhofdamm weiter geradeaus bis zum Zeltinger Platz, der rechtsherum fast umrundet werden muss, um zum S-Bahnhof Frohnau und damit zum Ludolfinger Platz zu gelangen. Auf beiden Plätzen bieten sich zahlreiche Verschnaufmöglichkeiten in Eiscafés oder Bäckereien.Wir folgen dem Sigismundkorso (später ausgeschildert als grüner Radweg 6) bis zum Donnersmarckplatz, wo wir uns links auf die Donnersmarckallee einfädeln und bergab rechts auf den Karmeliterweg einschwenken. Von dort aus folgt man der 6 hinein in dene Weg Am Eichenhain und landet plötzlich wieder an der auf der Hintour fast übersehenen wäldlichen Kreuzung des Mauerradwegs, nun kurz vor der Autobahn. Auf dem Radweg geht es zurück bis zum S-Bahnhof. Wer beim Buddhistischen Haus dem Mauerradweg weiter folgt, kann bis zum S-Bahnhof Hermsdorf fahren - oder über Lübars, das Märkische Viertel und Wilhemsruh knapp 12 Kilometer weiter bis zum S-Bahnhof Wilhelmsruh.(sk)
Erleben Sie diese Tour mit Tourenleiterin Ulrike Wachotsch
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HENNIGSDORF Auf den asphaltierten Wünschen und Sehnsüchten vieler Ostdeutscher radelt man entlang, folgt man dem 160 Kilometer langen Mauerradweg einmal rund um Berlin. Gedanklich standen seit 1961 sicher etliche DDR-Bürger vor dem Bauwerk, wollten hinüber - um zu Bleiben oder Wiederzukommen. Seit dem Fall der Mauer 1989 zerbröselt dieses Stück Geschichte immer mehr. Junge Berliner, Zugezogene und Touristen fragen sich, wo die Mauer - für viele die Trennlinie zur Freiheit im Geiste oder auch nur im touristischen Sinne - einst stand. Für den zweiten Teil unserer Sommerserie "Abgefahren" begeben wir uns in die Spurrillen dieser Geschichte - und sind gefangen zwischen der Idylle der Natur und der dennoch mancherorts merkwürdig leeren Landschaft. Zwischen der äußeren und inneren Grenzmauer pendelt man hin und her, mal hat man den ehemaligen Osten linkerhand, mal den Westen. Das neue Deutschland bleibt seltsam entfernt. 230 Flüchtlinge starben an der Berliner Mauer - am 24. August 1961 Günter Litfin als erster, als letzter der aus den Medien bekanntere Chris Gueffroy am 6. Februar 1989.
In 14 Etappen ist der Weg heutzutage eingeteilt. Mit Radtourleiterin Ulrike Wachotsch fahren wir ein Teilstück der elften Etappe- vom S-Bahnhof Hennigsdorf über Frohnau und Stolpe-Süd zurück nach Hennigsdorf. Somit bleiben wir im angenehmen 20 Kilometer-Limit, welches für diese Sommerserie gesetzt wurde.
Nach dem alt bekannten Start über die Ruppiner Chaussee und den Kreisel biegt der Mauerradweg - von Beginn an in Grau-Weiß ausgeschildert - in den Wald hinein. "Die Schilder sind extrem schlecht zu erkennen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club fordert deshalb, alle Schilder einheitlich zu gestalten", so Wachotsch, die noch bis Ende des Monats als ehrenamtliche ADFC-Tourleiterin im Einsatz ist, sich aber ab August selbstständig macht.
Nur ein paar hundert Meter weiter folgt die erste böse Überraschung dieses Abschnittes - ein Anstieg, der es in sich hat. Ich schiebe das Versagen auf mein Hollandrad, das mit seiner alten Nabenschaltung einfach nicht hinterherkommt. Für Ulrike Wachotsch ist das kein Argument. Erst recht nicht, weil sie doch genau an diesem Berg Fahrtechnik für Frauen übt. Nur für Frauen. "So spart man sich die blöden Kommentare und kommt schon beim ersten Versuch locker über den Berg", so Wachotsch lachend. Der Kurs dauert drei Stunden. Danach weiß man, wie eine Gangschaltung funktioniert und wie man mit ihr umgeht, ohne sie anzumeckern und doch nur ins Leere zu treten. "Alle Frauen schaffen es dann problemlos", verspricht sie.
Wir allerdings fahren ohne theoretische Anleitung weiter - das Fachwissen vorne weg, die Journalie hinterher. Mal sind es Apfelbäume, mal ein kleiner See, der den Blick festhält und dann doch wieder die Erinnerungen an die deutsche Geschichte. Wie der ehemalige Grenzturm in Hohen Neuendorf, der jetzt von der Deutschen Waldjugend offen gehalten wird. Oder die Erinnerung an Marinetta Jirkowsky, die mit nur 18 Jahre an einem Bauchschuss starb, abgefeuert aus der Waffe eines Grenzers.
Die Gegenwart holt einen ein, erreicht man die idyllisch-lebendige Gartenstadt Frohnau und mit ihr ein paar Gelegenheiten, sich zu stärken. Der Weg führt durch kleinere Straßen zurück auf den Mauerradweg. "Ich glaube, die Tour war dann doch etwas länger, vielleicht so 25 Kilometer", gibt Wachotsch am Ende zu.
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